Besprechungen - Rezensionen

©R. Sawicki

 

Hans Fenske
Der Anfang vom Ende des alten Europa.
Die alliierte Verweigerung von FriedensgesprÀchen 1914-1919.
Olzog Verlag, Berlin 2013, 144 S., 19,90 €

„Der Anfang vom Ende des alten Europa“

Erster Weltkrieg: Neue Studie widerlegt These von der deutschen Kriegsschuld vollends

„Die Deutschen wollen den Krieg lokal begrenzen“, faßt Christopher Clark in einem GesprĂ€ch mit der F.A.Z. vom 23.09.2013 die Intentionen des Kaiserreichs am Vorabend des Ersten Weltkriegs zusammen und bedeutet dem Leser bereits mit dieser Aussage, daß es ihm als nicht-deutschen Historiker um eine sachliche Darstellung des diplomatischen Vabanque-Spiels im Sommer 1914 geht, das fĂŒr Europas Völker in den „Weltenbrand“ mĂŒndete, aber dies gerade nicht in der Verantwortung Deutschlands lag. Vielmehr seien in Rußland, Serbien und Frankreich die Hauptschuldigen fĂŒr die Eskalation zum ersten großen Völkerringen im 20. Jahrhundert zu finden. Clarks englischsprachiges Buch „Die Schlafwandler. Wie Europa 1914 in den Krieg zog“ („The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914. Allen Lane. An imprint of Penguin Books, London 2012, 697 S., 25,95 EUR) wurde nun rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse im renommierten Verlag DVA mit dem verĂ€nderten Untertitel „Wie Europa in den Ersten Weltkrieg“ zog (MĂŒnchen 2013, 895S., 39,99 EUR) in deutscher Sprache zugĂ€nglich gemacht und ist bereits wenige Wochen nach Erscheinen zu einem Bestseller avanciert.

Clark, Professor fĂŒr Neuere Geschichte an der traditionsreichen UniversitĂ€t Cambridge, gehört seit seinem epochalen und unvoreingenommen Werk ĂŒber „Preußen“ (2007) und seiner um historische Gerechtigkeit bemĂŒhten Biographie Wilhelms II. (2008) zu den weltweit bekanntesten Preußenforschern unserer Tage, zeigte sich in der Lebensbeschreibung des letzten Hohenzollernregenten aber auch als fachkundiger Kenner der Materie Deutsches Kaiserreich. Ein zentraler Punkt in Clarks Untersuchung – neben dem Aufzeigen der seit den 1890er Jahren betriebenen Einkreisung und Isolierung des Deutschen Kaiserreichs durch England, Frankreich und Rußland – sind die deutschen BemĂŒhungen um eine Einhegung des Konflikts. Die deutsche und österreichische FĂŒhrung versuchten, den Konflikt regional auf den Balkan zu begrenzen. Clark hĂ€lt hier eindeutig fest, dass es keine Quellen und Belege dafĂŒr gibt, daß deutsche Politiker und MilitĂ€rs die „Juli-Krise“ als willkommene Gelegenheit fĂŒr einen lange geplanten PrĂ€ventivschlag gegen Frankreich oder Rußland betrachtet hĂ€tten. Doch die Versuche zur Begrenzung des Konfliktes mußten letztlich scheitern, denn die durch das Attentat von Sarajevo ausgelöste Krise „entsprach exakt dem balkanischen Eröffnungsszenarium“, das die  maßgeblichen Protagonisten des französisch-russischen BĂŒndnisses in der Zeit vor 1914 „als den optimalen casus belli festgelegt hatten“. Dieses in etlichen Diskussionen und Planungen vorbereitete Szenario wurde konsequent und rigoros durchgefĂŒhrt und so der Kriegsausbruch von den Entente-MĂ€chten gezielt provoziert.

In einer Rezension ĂŒber Clarks „Schlafwandler“ schreibt Andreas Kilb in der F.A.Z. (09.09.2013): „Es ist, nach seinem „Preußen“-Buch von 2006, Clarks zweite große Attacke gegen ein Dogma der Geschichtswissenschaft. Der preußische Staat galt als Hort allen Übels in der deutschen Geschichte: Militarismus, Imperialismus, GrĂ¶ĂŸenwahn. Clarks Studie zeigte, dass er das nicht war. Was den Ersten Weltkrieg angeht, hat sich unter Historikern seit den sechziger Jahren Fritz Fischers These von der ĂŒberwiegenden deutschen Kriegsschuld durchgesetzt. Bei Clark kann man nun nachlesen, dass das Kaiserreich genauso schuldig oder unschuldig am Ausbruch des Krieges war wie alle anderen europĂ€ischen GroßmĂ€chte: Russland, Frankreich, Österreich-Ungarn und England.“

Diese Argumentation Clarks teilend und darĂŒber hinaus zuspitzend, legte soeben Hans Fenske – emeritierter Professor fĂŒr Neue und Neueste Geschichte an der UniversitĂ€t Freiburg – seine Veröffentlichung „Der Anfang vom Ende des alten Europa. Die alliierte Verweigerung von FriedensgesprĂ€chen 1914-1919“ vor, in der die Schwerpunktsetzung gezielt auf die Auswertung der alliierten Diplomatie erfolgt, die nach der LektĂŒre als eine zutiefst antideutsche Politik der Eskalation bezeichnet werden kann. Fenske hĂ€lt demgemĂ€ĂŸ nach der vorherigen Auswertung alliierter Quellen zusammenfassend fest:

„Unzweifelhaft: Russland wollte 1914 den Krieg. Die Hauptverantwortlichen fĂŒr den Zusammenprall der europĂ€ischen GroßmĂ€chte saßen in St. Petersburg. Da Frankreich die russische Politik in der Julikrise bedingungslos stĂŒtzte, hatte es ein erhebliches Maß an Mitverantwortung fĂŒr die Katastrophe. Die FĂŒhrung der Donaumonarchie sah Österreich-Ungarn mit guten GrĂŒnden als existenziell bedroht an. (
) In Wien glaubte man, den Konflikt lokal begrenzen zu können, meinte aber, auch einen grĂ¶ĂŸeren Krieg mithilfe des Deutschen Reiches ĂŒberstehen zu können. (
) Die Reichsleitung in Berlin war ĂŒberzeugt, sich nicht erlauben zu können, nochmals auf Wien mĂ€ĂŸigend einzuwirken, wie sie das in den Krisen 1908/09 und 1912/13 getan hatte, weil das einen Zerfall des Zweibundes zur Folge hĂ€tte haben können. Einen großen Krieg hielt sie zunĂ€chst fĂŒr unwahrscheinlich. Als sie die Gefahr wachsen sah, warnte sie Wien dringend davor, einen Weltenbrand zu entfachen, konnte einen Kurswechsel dort aber nicht mehr erreichen. Ohnehin ist fraglich, ob eine grĂ¶ĂŸere Konzessionsbereitschaft angesichts der russischen Entschlossenheit positive Wirkungen gehabt hĂ€tte. Schließlich ließ sie alle Bedenken hinter sich, um schnell militĂ€risch handeln zu können. Die KriegserklĂ€rungen an Russland und Frankreich waren eine Flucht nach vorn. In London tat man fĂŒr die Vermeidung des Krieges viel weniger als in Berlin.“ (S. 25)

Bemerkenswert an Fenskes EinschĂ€tzung ist die Heranziehung von selbst in Clarks Mammutwerk nicht genannten Quellen und Zitaten von fĂŒhrenden Politikern und Diplomaten, die insbesondere auf alliierter Seite entlarvend und erschreckend zugleich sind. Diese zeigen in aller Deutlichkeit auf, welchen Neid das wirtschaftlich, militĂ€risch und machtpolitisch aufstrebende Deutsche Reich bei seinen alliierten Nachbarn auslöste und wo die Kriegsziele der Entente lagen. „Das Gewicht der MittelmĂ€chte und vor allem Deutschlands sollte deutlich gemindert und die Machtverteilung zwischen den GroßmĂ€chten grĂŒndlich revidiert werden. Eine solche Zielsetzung war nur bei einem vollen alliierten Sieg zu verwirklichen, und bis dahin musste gekĂ€mpft werden.“ (S. 27f.) Der berĂŒchtigte Lloyd Georg, zu diesem Zeitpunkt StaatssekretĂ€r des Krieges, verkĂŒndete am 28. September 1916 in einem GesprĂ€ch mit der United Press seinen zur BerĂŒhmtheit gelangten Ausspruch: „Der Kampf wird dauern bis zur Niederschmetterung.“ (zit. n. Fenske, S. 29)

Exakt dieser Vernichtungswille der Alliierten fĂŒhrte nicht nur zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, sondern – und hier liegt das Hauptaugenmerk in Fenskes Arbeit – zum Abblocken jedweder Friedensinitiativen der beiden deutschen MittelmĂ€chte. Auf Seiten der Entente nahmen Gedanken an einen Verhandlungsfrieden keinen Platz ein, denn als Ziel des angestrebten „Vernichtungskrieges“ sollte von Anfang an ein Siegfrieden stehen, der Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich im Rahmen des „Kreuzzug[s] gegen die Barbarei“ demĂŒtigen, zerschlagen und territorial zerstĂŒckeln sollte. Der Autor zeigt auf, wie angesichts dieser Geisteshaltung die Friedensinitiativen der MittelmĂ€chte 1916 sowie die beachtenswerte Friedensresolution des Reichstages 1917 scheitern mußten. Bereits seit September 1914 waren die Entente-MĂ€chte durch die öffentliche ErklĂ€rung, „dass sie keinen Sonderfrieden mit Deutschland abschließen wĂŒrden“, verbunden und erklĂ€rten stĂ€ndig ihren Willen, „bis zum endgĂŒltigen Sieg zu kĂ€mpfen“ (S. 29), so daß ein VerstĂ€ndigungsfrieden fĂŒr die alliierten Kriegstreiber undenkbar ward und gleichzeitig die deutschen Friedensinitiativen ins Leere laufen mußten. In Reichskanzler Bethmann Hollweg versinnbildlichte sich das Streben Deutschlands nach einem Ausgleich; „es ging ihm nicht um Gebietsgewinne, sondern vor allem darum, das VerhĂ€ltnis der GroßmĂ€chte nach dem Kriege so zu gestalten, dass eine nochmalige Koalition England – Frankreich – Russland gegen das Reich unwahrscheinlich war. Dazu gehörte auch, ‚den Versuch zu machen, endlich die Jahrhunderte alten Streitigkeiten zwischen Frankreich und uns zu beseitigen’, den Nachbarn im Westen bei Kriegsende also freundlich zu behandeln“ (S. 39f.). Bethmann Hollweg war es, der mit Österreichs Außenminister BuriĂĄn die gemeinsame Friedensinitiative der MittelmĂ€chte im Oktober 1916 ausarbeitete und am 12. Dezember den Kriegsgegnern kundtat, worin vorgeschlagen wurde, „alsbald in Friedensverhandlungen einzutreten und dem Kampf ein Ende zu machen“ (zit. nach Fenske, S. 42). Die Entente-MĂ€chte lehnten dieses Friedensangebot im Januar 1917 schroff und in anmaßendem Tone ab. „Die unrichtige Behauptung der MittelmĂ€chte, sie hĂ€tten zur Verteidigung ihres Daseins zu den Waffen gegriffen, genĂŒge, jeden Verhandlungsversuch zur Unfruchtbarkeit zu verurteilen. Deutschland und Österreich-Ungarn seien die Friedensbrecher.“ (S. 42).

Erhellend sind auch die Passagen, die sich mit dem Zeitungsredakteur („Journal des DĂ©bats“) und Diplomaten Alcide Ebray beschĂ€ftigen. Dieser legte in seiner 1924 veröffentlichten Studie „Der unsaubere Frieden (Versailles)“ dar, wie die alliierte Seeblockade der internationalen Handelswege „unmenschlicher als der U-Bootkrieg“ (zit. nach Fenske, S. 120) gewesen sei. Fenske selbst fĂŒhrt hierzu aus: „Die Bestimmung ĂŒber die Fortdauer der Blockade [nach Unterzeichnung des Waffenstillstands am 11.11.1918; Anm. d. Verf.] war völkerrechtswidrig. Blockaden sind feindselige Handlungen, da sie dem Gegner Schaden zufĂŒgen sollen. Deshalb hĂ€tte die Blockade, die in den gut vier Jahren ihrer Geltung mit der von ihr bewirkten Unterbrechung der nötigen Lebensmittelimporte ĂŒber See die Sterblichkeit in Deutschland deutlich erhöhte und fĂŒr ĂŒber 700.000 zivile TodesfĂ€lle verantwortlich war, am 11. November 1918 mittags eingestellt werden mĂŒssen.“ (S. 78f.) Ebray fĂŒhrte in seinem Werk weiter aus, daß mit dieser Blockade und dem militĂ€rischen Bruch der griechischen NeutralitĂ€t, d.h. zweier offenkundiger Völkerrechtsverletzungen der Erste Weltkrieg fĂŒr die Entente gewonnen wurde.

Ebenso zeigt Fenske die unheilvolle Rolle der Vereinigten Staaten auf, die zunĂ€chst noch mĂ€ĂŸigend und diplomatisch ausgleichend wirkten, ab FrĂŒhjahr 1917 aber auf einen radikalen Kriegskurs umsteuerten, dessen Folge – abgesehen von der kriegsentscheidenden Masse an Material und Menschen – eine von der Regierung Wilson geschĂŒrte antideutsche Stimmung im Land war. Neben Diskriminierung und Gewalttaten gegen Deutsch-Amerikaner stand hier auch die Verbannung deutschsprachiger BĂŒcher und sogar BĂŒcher ĂŒber Deutschland und Österreich in englischer Sprache aus den öffentlichen Bibliotheken. „In etlichen StĂ€dten wurden ausgewĂ€hlte Titel oder grĂ¶ĂŸere BestĂ€nde im Rahmen patriotischer Feiern öffentlich verbrannt.“ (S. 47)

Dieser Vernichtungswille der westlichen Wertegemeinschaft mußte gemĂ€ĂŸ Fenske im Versailler Diktatfrieden mĂŒnden, der den Namen „Vertrag“ nicht verdiene, da die Deutschen als Verbrecher an der Menschheit tituliert und in diesem Sinne behandelt wurden. „Angesichs dieser Tatsachen ist es gerechtfertigt, von einem Diktat- oder Gewaltfrieden zu sprechen“ (S. 111), beurteilt Fenske das am 28. Juni 1919 unterzeichnete Dokument. Dem Deutschen Reich wurden hiermit 70.000 Quadratkilometer seines Territoriums mitsamt 6,4 Millionen deutschen Bewohnern genommen. Außerdem wurden Deutschland langjĂ€hrige Verpflichtungen, Reparationszahlungen, Kontrollmechanismen, Landbesetzungen, militĂ€rische EinschrĂ€nkungen und vor allem die Zuschreibung der Kriegsschuld aufgebĂŒrdet. Dieser berĂŒchtigte Artikel 231 der Versailler Diktats wurde von den Zeitgenossen in der Weimarer Republik zu Recht „auf den Begriff der KriegsschuldlĂŒge gebracht“ (S. 119), die wie ein Damoklesschwert ĂŒber der jungen Republik schwebte.

Fenske erinnert auch an den Schweizer Geschichtsphilosophen Ernst Sauerbeck, der in den Jahren 1916 bis 1919 das auf der Auswertung aller zur damaligen Zeit in Druckform vorliegenden Quellen basierende Buch „Der Kriegsausbruch. Eine Darstellung von neutraler Seite an Hand des Aktenmaterials“ schrieb und hierin ausfĂŒhrte:

„Es trifft (
) die Entente die Schuld, diesen Krieg ohne Not entfesselt zu haben, es trifft sie (
) die weitere und schwerere Schuld, ihn zu dem gemacht zu haben, was er – wieder ohne Not! – geworden ist: zum Grab ganzer Völker. (
) Ein Gewaltfriede, wie man ihn sich rĂŒcksichtsloser wohl in keinem Lager je getrĂ€umt hat, folgte auf den Kampf der Gewalt.“ (zit. nach Fenske, S. 14)

In Oslo wurde im FrĂŒhjahr 1918 eine unabhĂ€ngige Kommission norwegischer Wissenschaftler an die Untersuchung der Kriegsschuldfrage gesetzt, deren SekretĂ€r Hermann Harris Aall aus der Begutachtung der Quellen „das Zarenreich den agent provocateur fĂŒr den Krieg“ nannte und „England entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung“ (S. 15) zum Krieg bescheinigte. Die rigorose Haltung der Entente zur Kriegsschuldfrage sah Aall als „unvereinbar mit elementaren GrundsĂ€tzen der Gerechtigkeit“ und der Versailler Vertrag „eine einzige Kette von Völkerrechtsverletzungen“ (zit. nach Fenske, S. 15). Des weiteren fĂŒhrt Fenske den norwegischen Oberbibliothekar an der UniversitĂ€t Oslo, Axel C. Drolsum, an, der als Kommissionsmitglied resĂŒmierte, „daß Deutschland 1914 als die einzige Macht sich ehrlich und nach allen KrĂ€ften unaufhörlich fĂŒr den Frieden bemĂŒht hat. Seine Friedensbestrebungen scheiterten an dem Kriegswillen der anderen MĂ€chte“ (zit. nach Fenske, S. 15).

Das in einem Brief an den Zaren vom 31. Juli 1914 formulierte Ansinnen Kaiser Wilhelms II., das „Unheil, das nun die ganze zivilisierte Welt bedroht“ abzuwenden, bestĂ€tigt – als eines von unzĂ€hligen in Fenskes Buch dargelegten Beispielen – die einhelligen Urteile der neutralen norwegischen Kommission. In des Kaisers Brief hieß es in diesem Sinne weiter: „Noch kann der Friede Europas durch Dich erhalten bleiben, wenn Rußland einwilligt, die militĂ€rischen Maßnahmen einzustellen, die Deutschland und Österreich-Ungarn bedrohen mĂŒssen“ (zit. nach Fenske, S. 22).

Die vorliegende Studie knĂŒpft inhaltlich an Christopher Clarks Detailanalyse der Vorkriegsdiplomatie an, spannt den Bogen aber bis in die Nachkriegsjahre und ist in ihrer Aussage noch unmissverstĂ€ndlicher als Clarks ResĂŒmee, wonach die Schuldfrage alle kriegfĂŒhrenden Nationen betrĂ€fe. Fenske geht hierĂŒber hinaus und beweist mit der Heranziehung raren Quellenmaterials, daß gerade das Deutsche Reich und Österreich den geringsten Anteil am Kriegsausbruch 1914 und der FortfĂŒhrung des Völkerschlachtens in den darauffolgenden Jahren hatten. Doch „die alliierte Verweigerung von FriedensgesprĂ€chen“ fĂŒhrte letztlich zu dem, was der Buchtitel verkĂŒndet: „Der Anfang vom Ende des alten Europa“. Im Gegensatz zu den im kommenden Jahr zu erwartenden geschichtspolitisch korrekten Veröffentlichungen und medialen Desinformationen zum Gedenken an 100 Jahre Beginn des Ersten Weltkrieges, eröffnet uns Fenske eine im besten Sinne revisionistische Arbeit auf wissenschaftlicher und um ObjektivitĂ€t bemĂŒhter Grundlage, die wahrlich als Beispiel historischer AufklĂ€rung und Entzauberung eines bundesrepublikanischen Schuldmythos’ gelten kann.

 

â–Ș Mag. Sebastian Pella


Herfried MĂŒnkler
Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918
Rowohlt Berlin, Berlin 2013, 928 S., 29,95 €

„Der Große Krieg“

Herfried MĂŒnkler korrigiert antideutsche Klischees

Herfried MĂŒnkler, Professor an der Humboldt-UniversitĂ€t Berlin und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, gehört zu den renommiertesten Politikwissenschaftlern der Bundesrepublik Deutschland. Doch in seiner Zunft ist der Vertreter der sogenannten „Realistischen Schule“ – die in den Vereinigten Staaten dominierende Schule der Politikwissenschaft – hierzulande weitgehend isoliert. Diese Schule operiert mit traditionell geo- und machtpolitischen PrĂ€missen und ist dem „normativen“ Ansatz der deutschen Politikwissenschaft ein Dorn im Auge. Umso mehr muss MĂŒnklers Verdienst gewĂŒrdigt werden, der mit seinen BĂŒchern (z.B. „Die neuen Kriege“, 2002; „Imperien“, 2005) diese ursprĂŒnglich aus Deutschland stammende, geopolitisch ausgerichtete „Realistische Schule“ als theoretisch-methodisches Instrumentarium seiner Geschichts- und Politikbetrachtung in die öffentliche Debatte zurĂŒckbrachte. MĂŒnkler rĂŒckt „die geopolitische Lage Deutschland in der Mitte des Kontinents“ in den Fokus seiner Betrachtung und vermag es hierdurch die zentralen Handlungsmotive der deutschen Außenpolitik am Vorabend sowie wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs zu erfassen. Folgerichtig gerĂ€t der Autor so in Gegensatz mit der bundesrepublikanischen Alleinschuldthese der Schule um Fritz Fischer, „die den Deutschen die Hauptschuld am Krieg anlasteten, um einiges radikaler als die offizielle DDR-Historiographie“. Ebenso wie bei Christopher Clark („Die Schlafwandler“) oder Hans Fenske („Der Anfang vom Ende des Alten Europa“) wird diese These, dem Deutschen Reich gebĂŒhre als Hauptverantwortlicher am Ausbruch des Ersten Weltkrieges eindeutig die Schuld, hier auf Grundlage der realistisch-geopolitischen Herangehensweise widerlegt. Leider bringt MĂŒnkler aber nicht den Mut auf, sich gĂ€nzlich vom bundesdeutschen Geschichtszeitgeist zu lösen, wenn er dann doch ausfĂŒhrt: „Zweifellos war Deutschland im Sommer 1914 einer der maßgeblichen Akteure, die fĂŒr den Kriegsausbruch verantwortlich waren – aber es trug diese Verantwortung keineswegs allein.“ Dieses Urteil ist deshalb zu bedauern, da in den „Schlafwandlern“ die maßgebliche Verantwortung Rußlands am Ausbruch des Ersten Weltkriegs nachgewiesen wurde und MĂŒnkler somit hinter den Forschungsstand zurĂŒckfĂ€llt, obgleich sich in seinem Buch einige Belege finden lassen, die im Gegensatz zu obigem Ausspruch stehen. Kritisch ist generell in „Der Große Krieg“ die Fixierung auf Deutschland zu sehen, da der selbst formulierte Anspruch, eine Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs zu liefern, mit dieser beschrĂ€nkten nationalen Sichtweise ad absurdum gefĂŒhrt wird und ebenfalls der breite diplomatiegeschichtliche Rahmen der wegweisenden neueren Publikationen wieder verlassen wird.

Indem MĂŒnkler methodisch „KonfliktablĂ€ufe untersucht und die Folgen gefĂ€hrlicher BĂŒndniskonstellationen analysiert“, wandelt er fernab eingetretener Pfade der deutschen Geschichts- und Politikwissenschaft und kommt zu unbefangenen, fundierten und nonkonformen Untersuchungsergebnissen. Im Geist der „Realistischen Schule der Internationalen Politik“ betrachtet MĂŒnkler die Optionen, „die den politischen und militĂ€rischen Verantwortlichen zur VerfĂŒgung standen“, um Entscheidungen und Ereignisketten der Jahre 1914 bis 1918 verstĂ€ndlich zu machen.

Bereits in der Einleitung zeigt sich das Selbstbewusstsein des Berliner Professors, der „viele der jĂŒngeren deutschsprachigen Veröffentlichungen zum Krieg“ kritisiert, deren rein sozialgeschichtliche Fixierung auf den „Krieg des kleinen Mannes“ zwar dem Zeitgeist entspricht, aber ohne das „Ineinander und Gegeneinander“ beider Sichtweisen, „die der ‚Schlachtenlenker‘ und die des ‚Menschenmaterials‘“, ein Begreifen und Verstehen des komplexen Systems „Krieg“ unmöglich wird. Interessant sind die AusfĂŒhrungen ĂŒber die Lernbereitschaft der kriegfĂŒhrenden Staaten, wobei er den Deutschen attestiert, „ihre Lernbereitschaft vorwiegend auf den Bereich der militĂ€rischen Taktik“ fokussiert und dadurch ihr eigenes „VerhĂ€ngnis“ heraufbeschworen zu haben. Denn diese Lernerfolge im militĂ€rischen Bereich reduzierten den Druck, in den Feldern Strategie und Politik Reformen anzustoßen. „Um es zuzuspitzen: Weil die Deutschen in taktischer Hinsicht glĂ€nzende Lernerfolge hatten, glaubten sie, derlei auf politischem Terrain nicht nötig zu haben – und unter anderem daran sind sie in diesem Krieg gescheitert.“

An anderer Stelle beleuchtet der Autor zwar „die inneren WidersprĂŒche des Deutschen Reichs“, ĂŒbernimmt hierbei aber die wegweisende Argumentation des fĂŒhrenden Preußen- und Kaiserreichforschers Frank-Lothar Kroll, wenn er – an Krolls Buch „Geburt der Moderne“ anknĂŒpfend – schreibt: „In vieler Hinsicht war Deutschland das modernste Land in Europa: „Es hatte die bei weitem grĂ¶ĂŸte Industrieproduktion, war in den Zukunftsindustrien fĂŒhrend, verfĂŒgte ĂŒber ein leistungsfĂ€higes Schul- und UniversitĂ€tssystem, besaß in den Natur- wie Geisteswissenschaften Weltgeltung und verfĂŒgte ĂŒber ein lebhaftes kulturelles und kĂŒnstlerisches Leben.“

Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht muß der Rezensent aber MĂŒnklers EinschĂ€tzung, „weniger die sozialen und politischen WidersprĂŒche“ hĂ€tten das Kaiserreich in den Krieg gefĂŒhrt, „als vielmehr eine Mischung aus Großmannssucht und Ängstlichkeit“, widersprechen. Es waren nĂ€mlich exakt die von MĂŒnkler geschilderten Tendenzen, die das Deutsche Reich als eine aufstrebende europĂ€ische Großmacht kennzeichneten und die Großbritannien, Frankreich und insbesondere Russland als neidische Kriegstreiber auftreten ließen, deren Ziel die Zurechtstutzung des Deutschen Reichs war. Obschon MĂŒnkler zahlreiche im Wissenschaftsbetrieb heilig gehaltene Tabus bricht, traut er sich an dieses zentrale Moment einer systematisch und strategisch betriebenen antideutschen Politik in den europĂ€ischen Machtzentren nicht heran, teilt jedoch die zum Krieg fĂŒhrende Folge dieser Politik: „die politische Einkreisung“ und bĂŒndnispolitische Isolierung Deutschlands in seiner Mittellage im Zentrum des Kontinents. Christopher Clark hat dies im Gegensatz zu MĂŒnkler erkannt und aufgezeigt, daß die Einkreisung des Deutschen Reiches mit keiner realen, sondern einer von den Kontrahenten konstruierten militĂ€rischen GefĂ€hrdung durch Deutschland zusammenhing.

In seine Analyse verwebt MĂŒnker konzise die militĂ€rgeschichtlichen Ereignisse des Ersten Weltkrieges und widmet sich außer dem kontinentalen Kriegsschauplatz auch den Geschehnissen in Afrika und dem Nahen Osten. Mit einer ausfĂŒhrlichen Betrachtung des österreichisch-ungarischen Waffenbruders sowie des Seekriegs ĂŒberflĂŒgelt MĂŒnkler Gesamtdarstellungen zum Ersten Weltkrieg, behandelt aber leider die zahlreichen deutschen Friedensinitiativen nur stiefmĂŒtterlich. Ebenso wird die kriegsentscheidende Rolle der Vereinigten Staaten – insbesondere deren Lavieren vor Kriegseintritt – zu wenig in die Gesamtschau eingebettet.

Herausragend sind die AusfĂŒhrungen ĂŒber „Lange und kurze Wege in den Krieg“ (Kap. 1) sowie das das Buch abschließende Kapitel „Der Erste Weltkrieg als politische Herausforderung“. Der politikwissenschaftliche Ansatz tritt besonders in den Schlussbemerkungen zutage, wenn MĂŒnkler den „Untergang der großen Reiche“ betrachtet, um dann ĂŒber „Die Last der geopolitischen Mitte“ zu der geopolitisch aktuellen Thematik „Das heutige China in der Position des wilhelminischen Deutschland“ zu kommen. Hierzu schreibt er: „Das ‚Reich der Mitte‘ ist durch die Globalisierung der Wirtschaft in eine geostrategisch unkomfortable Lage geraten (
) Das ‚Reich der Mitte‘ steht in der Gefahr, ganz buchstĂ€blich in die Mitte genommen und eingekreist zu werden.“ Von den tagesaktuellen Entwicklungen ĂŒberholt, mag man daran erinnern, dass dieses Diktum auch auf Russland zutrifft.

Insgesamt korrigiert MĂŒnkler in bester revisionistischer Manier einige Grundpfeiler bundesdeutscher Geschichtsbetrachtung: Die in Deutschland ausgeprĂ€gten „Ideen von 1914“ besitzen ein politisch positives FreiheitsverstĂ€ndnis; die deutschen „Mythen“ der Schlachten von „Tannenberg“ und „Langemarck“ halten einer „Entmythologisierung“ stand, da die militĂ€rische Höchstleistung in Ostpreußen und die heldenhafte Opferbereitschaft der FreiwilligenverbĂ€nde im belgischen Langemarck Fakten sind; der patriotische Überschwang des „Augusterlebnis“ ist aus Sicht MĂŒnklers keineswegs „widerlegt“, nur weil nicht alle Deutschen in gleichem Maße begeistert zu den Waffen griffen; und schließlich waren die erfolglosen deutschen Friedensinitiativen mitnichten Schuld des VerstĂ€ndigungspolitikers Bethmann Hollweg, sondern der englischen und französischen Politik.

„Der Große Krieg“ korrigiert so ĂŒber Jahrzehnte gepflegte Klischees und durchbricht die fĂŒr deutsche Autoren geltende Schweigemauer. Dieses Verdienst Herfried MĂŒnklers gilt es – trotz einiger inhaltlicher SchwĂ€chen – hervorzuheben. Ein absolut empfehlenswertes Buches!

â–Ș Mag. Sebastian Pella


Gerry Docherty/ Jim Mac Gregor
Hidden History. The Secret Origins of the First world War.
Mainstream Publishing, Edinburgh 2013, 464 S., 23,30 €

„Großbritannien, nicht Deutschland, [war] fĂŒr den Krieg verantwortlich“

Geheimgesellschaft plante seit 1891 die Niederwerfung Deutschlands

Eine bemerkenswerte Neuerscheinung ĂŒber den Ersten Weltkrieg sorgt in England fĂŒr Furore. Die englischen Historiker Gerry Docherty und Jim MacGregor werfen die britische Historiographie zum Ersten Weltkrieg ĂŒber den Haufen. In ihrer Studie „Hidden History. The Secret Origins of the First World War“ legen die Autoren wert auf die Feststellung, es gebe reichlich historisch korrekte Literatur ĂŒber die reine Ablaufgeschichte des „Großen Kriegs“, aber keine die Wahrheit widerspiegelnden Werke ĂŒber die fatale Rolle Großbritanniens in diesem Völkerringen. Docherty und MacGregor widersetzen sich gĂ€ngigen Wissenschaftsdogmen und verlautbaren – argumentativ ĂŒberzeugend –, dass Großbritannien die Hauptverantwortung am Kriegsausbruch getragen hĂ€tte. Dessen antideutsche FĂŒhrung habe außerdem den Krieg – entgegen realpolitischer Optionen zur Beendigung – bewusst ĂŒber das Jahr 1915 hinaus weitergefĂŒhrt, um das strategische Kriegsziel der Einhegung und Kleinhaltung Deutschlands nicht zu gefĂ€hrden. Die Autoren spannen in ihrer BeweisfĂŒhrung den Bogen von der britischen Landnahme in SĂŒdafrika im ausgehenden 19. Jahrhundert bis in den August 1914, wobei die Julikrise im Zentrum des Buches steht.

Bemerkenswert an der vorliegenden Studie ist die Offenlegung einer 1891 auf Initiative des chauvinistischen Kolonialpolitikers Cecil Rhodes begrĂŒndeten Geheimverbindung einflussreicher Politiker, MilitĂ€rs und Wirtschaftsbosse der Vereinigten Staaten und Großbritanniens, die sich der angloamerikanischen Beherrschung der Welt verschrieb. Docherty und MacGregor bezeichnen diesen Kreis als „die geheime Elite“, deren Einfluss auf die britische Politik immens war. Mit Edward Grey (seit 1905 Außenminister) bestimmte eine fĂŒhrende Gestalt der „geheimen Elite“ Großbritanniens Geschicke in der Außenpolitik, die im Sinne des Geheimbundes versuchte Frankreich und Russland in Frontstellung gegen das als Konkurrent betrachtete, wirtschaftlich aufstrebende Deutsche Kaiserreich zu bringen. Ein Hauptziel war die Zurechtstutzung Deutschlands, wozu auch militĂ€rische Mittel frĂŒh in ErwĂ€gung gezogen wurden. ZunĂ€chst operierte der Kreis aber auf diplomatischer Ebene, indem er die BĂŒndnisse Großbritanniens mit Frankreich (1904) und Russland (1907) forcierte. Doch bereits im Zuge der ersten Marokkokrise (1905/06) fanden ernsthafte Planungen in dem antideutschen Netzwerk statt, einen umfassenden Krieg gegen das Deutsche Reich vom Zaun zu brechen, obwohl die deutsche FĂŒhrung auf einen Ausgleich bedacht war und noch auf die UnterstĂŒtzung des PrĂ€sidenten der Vereinigten Staaten bauen konnte. Im Hintergrund zog sich die Schlinge jedoch weiter zu, da der britische Generalstab – beeinflusst von der „geheimen Elite“ – eng mit den französischen und belgischen GeneralstĂ€ben auf einen Krieg mit Deutschland hinarbeitete. So verwundert es nicht, dass wĂ€hrend der zweiten Marokkokrise 1911 das „geheime Netzwerk“ seine nĂ€chste Chance fĂŒr einen Krieg gekommen sah. Ein geheimer Feldzugsplan, den der Leiter der Operationsabteilung im britischen Kriegsministerium mit einem französischen General ausgearbeitet hatte, sah die Entsendung eines 150.000 Mann starken britischen Expeditionskorps vor, das aus Frankreich heraus gegen Deutschland operieren sollte. Die Verfasser belegen dies mit einer Aktennotiz vom 23. August 1911, als exakt dieser Plan im „Comittee of Imperial Defence“ erörtert wurde, jedoch fallengelassen wurde, da er im britischen Kabinett keine Mehrheit fand. Dieses untersagte sogar, mit auslĂ€ndischen GeneralstĂ€ben weiterhin zu kooperieren. Doch das unter Einfluss der „geheimen Elite“ stehende Kriegsministerium hielt sich hieran nicht, operierte nunmehr aber zurĂŒckhaltender. Die eine profunde Kenntnis bezeugende QuantitĂ€t und QualitĂ€t der Literatur- und Quelleneinarbeitung offenbart zahlreiche Belege, dass die „geheime Elite“ gezielt auf einen Krieg gegen das Deutsche Reich hinarbeitete. Beispielhaft sei die „Irische Frage“ genannt, die – so weisen die Autoren nach – das Netzwerk nutzte, um das Volk propagandistisch auf den Waffengang gegen Deutschland vorzubereiten: die getarnt nach Irland eingeschleusten Waffen waren von der „geheimen Elite“ bewusst aus Deutschland gekauft worden und sollten den blutigen Religions- und BĂŒrgerkrieg auf der GrĂŒnen Insel verschĂ€rfen. Mit dem Verweis auf die deutschen Waffen sollte der britischen Bevölkerung die KriegslĂŒsternheit Deutschlands vorgespielt werden. Nur ein Beispiel von vielen fĂŒr das konspirative und hinterhĂ€ltige Wirken dieses Zirkels.

Im Juli 1914 war es schließlich Außenminister Grey, der entschlossen auf den Kriegseintritt Großbritanniens hinwirkte, obschon er dies rhetorisch geschickt zu kaschieren wusste. Nach außen gab er sich jovial und ausgleichend, als sei er tatsĂ€chlich auf eine Kompromisslösung aus. Doch sein Handeln sprach eine andere Sprache: er belog den deutschen Botschafter, als er ausfĂŒhrte, Großbritannien besĂ€ĂŸe keinerlei bĂŒndnispolitischen Verpflichtungen im Falle eines Kriegsausbruchs auf dem Kontinent, wĂ€hrend er beinahe gleichzeitig in Russland fĂŒr eine VerschĂ€rfung des Tons gegenĂŒber Berlin warb und dem Zaren die britische UnterstĂŒtzung im Kriegsfall zusicherte. Im Kabinett und Unterhaus erklĂ€rte Grey wahrheitswidrig am 3. August 1914, er hĂ€tte stets alles erdenklich Mögliche fĂŒr den Erhalt des Friedens unternommen und betonte explizit die belgische NeutralitĂ€t als zentrales Moment, um dann die Irische Frage als Hauptpunkt seiner Rede zu thematisieren und hierin – im Geiste des geheimen Bundes – die Seitenhiebe auf Deutschland geschickt unterzubringen.

Docherty und MacGregor beurteilen Greys Rolle als undemokratisch und heuchlerisch, und erklĂ€ren sogar, allein der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg habe als einziger Staatsmann in Europa wirklich den Krieg verhindern wollen. Ein Manko ihrer Studie ist definitiv die Charakterisierung des einflussreichen Netzwerks als „geheime Elite“, denn vielmehr war dieser Zirkel Ausdruck einer gegen Deutschland gerichteten Hinterzimmerpolitik, die bereits Jahrzehnte vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs die militĂ€rische Vernichtung des Deutschen Reichs als strategisches Ziel einer geo- und machtpolitischen Weltpolitik im angelsĂ€chsischen Sinne anstrebte. Mag der Einfluss dieser „geheimen Elite“ auf Frankreichs und Russlands Agieren auch geringer als in „Hidden History“ dargelegt, einzuordnen sein, ĂŒberragt doch das Verdienst dieses Buches, das den Schuldanteil Großbritanniens am Ausbruch des „Großen Krieges“ sehr hoch veranschlagt und die klare Aussage trifft, „daß Großbritannien, nicht Deutschland, fĂŒr den Krieg verantwortlich war“.

â–Ș Mag. Sebastian Pella


Guntram Schulze-Wegener
Der Erste Weltkrieg im Bild
Deutschland und Österreich an den Fronten 1914–1918
266 Seiten mit farbigen Karten und Abbildungen im Vor- und Nachsatz,
ĂŒber 500 Farb- und S/W-Abbildungen, 23 x 28 cm, Hardcover
ARES VERLAG, Graz 2014, Preis: € 29,90

Der Erste Weltkrieg im Bild

Neuerscheinung mit spektakulÀren und bislang unbekannten Bildern

Dr. Guntram Schulze-Wegener, FregattenkapitĂ€n d.R. und Chefredakteur der Zeitschrift „MilitĂ€r & Geschichte“, ist durch seine militĂ€r- und marinehistorischen Veröffentlichungen ein ausgewiesener Kenner der deutschen Kriegs- und Armeegeschichte. PĂŒnktlich zur 100. Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs veröffentlicht nun der fĂŒr seine militĂ€rgeschichtlichen Publikationen bekannte ARES VERLAG mit „Der Erste Weltkrieg im Bild. Deutschland und Österreich an den Fronten 1914-1918“ ein neues Buch des Autors, das aus der Vielzahl der Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg hervorragt. Anhand einer Vielzahl teils unbekannter, teils bislang höchst selten gezeigter Aufnahmen gibt Schulze-Wegener in diesem „erlĂ€uternde[n] Bildband mit Schwerpunkten auf der deutsch-österreichischen KriegsfĂŒhrung (
) einen Überblick ĂŒber Verlauf und BinnenkrĂ€fte des Ersten Weltkrieges und setzt anhand der zahlreichen Illustrationen ein Gegengewicht zu der in diesen Tagen zu erwartenden, rein theoretisierenden und debattierenden Wissenschaftsliteratur“. Nichtsdestotrotz ĂŒberzeugen die Textpassagen ob ihres konzisen und gekonnten Überblickscharakters, der die wesentlichen Entwicklungen und Ereignisse des Krieges festhĂ€lt und in den neuesten Forschungsstand einbettet. Angelehnt an Christopher Clarks „Schlafwandler“ und Hans Fenskes „Das Anfang vom Ende des alten Europa“ hĂ€lt der Autor fest:

„Berlin und Wien trugen aber nicht die ‚Alleinschuld‘ am Ausbruch des Ersten Weltkrieges; allenfalls und wie alle fĂŒhrenden MĂ€chte eine Teil- oder Mitschuld“; „Mit Ausnahme Russlands (wie die auslĂ€ndische Weltkriegsforschung mittlerweile herausgearbeitet hat) strebte keine der fĂŒhrenden MĂ€chte willentlich einer kriegerischen Auseinandersetzung zu“; „Dabei ist wohl anzunehmen, dass mit Ausnahme Russlands, das nichts zu verlieren, nur zu gewinnen und seit dem Berliner Kongress 1878 noch eine Rechnung mit Deutschland offen hatte (die auslĂ€ndische Forschung macht in St. Petersburg mittlerweile den Hauptverantwortlichen fĂŒr den Krieg aus), keiner der anderen großen MĂ€chte den Krieg wirklich ‚wollte‘ oder gar auf ihn hinarbeitete.“

Herausgegriffen aus den inhaltlich-textlichen Pointierungen seien die AusfĂŒhrungen ĂŒber die alliierten PropagandafeldzĂŒge gegen das Deutsche Reich und seine Soldaten, die „parallel mit dem ersten Schuss im August 1914“ einsetzten. Schulze-Wegener greift die Bilder von als Monster verstellten deutschen Soldaten auf, die kleinen Kindern die HĂ€nde abhackend und Frauen vergewaltigend dargestellt wurden.

„In der nachfolgenden Flut antideutscher Hass- und GrĂ€uelpropaganda blieben die Rechtfertigungen und adĂ€quate Reaktionen aus Berlin allenfalls verzweifelte Versuche. Das Sujet der grotesk verzerrten, blind mordenden und blutsaufenden deutschen Soldateska, gern auch in abartiger Gestalt des Kaisers, blieb im kollektiven GedĂ€chtnis verhaften, wĂ€hrend die deutsche Propaganda demgegenĂŒber hilflos und fast belustigend wirkte (
) So verloren die MittelmĂ€chte nicht nur den Krieg, sondern auch die Propagandaschlacht mit ihren vielgestaltigen Äußerungsarten, die bis zum Ende allerdings das blieb, was sie von Anfang an war: ein Mittel der Selbstinszenierung zur Ächtung des Feindes.“

Schulze-Wegeners militĂ€rgeschichtlicher Hintergrund schimmert in den AusfĂŒhrungen stets detailreich durch, obgleich er die Balance zwischen politik-, sozial- und kriegsgeschichtlichen Aspekten gekonnt hĂ€lt. Deutlich wird dies beispielhaft in seinen Darlegungen ĂŒber die MentalitĂ€ten der deutschen Soldaten zu Kriegsbeginn:

„Als die deutschen Truppen in heute rauschhaft erscheinender Begeisterung unter klingendem Spiel ausmarschierten, schien sich eine in Jahrzehnten aufgestaute, unertrĂ€glich gewordene Spannung zu entladen. Auf der Suche nach der Wiedergeburt des alten, die ‚GrĂŒnderzeit‘ und somit das deutsche SelbstverstĂ€ndnis beherrschenden Idealismus strömte die Menge in ehrlicher Hingabe an ihren Kaiser zu den Waffen. Die Euphorie der Kriegsfreiwilligen, unter ihnen zahllose Studenten, war sinnstiftend fĂŒr eine Nation, die bereit war, im Kampf um das geistige Erbe Deutschlands und fĂŒr eine große Zukunft gegen eine Welt von Feinden viele Entbehrungen auf sich zu nehmen.“

Doch in dem imposanten Text-Bildband ist „nicht das Wort erster InformationstrĂ€ger, sondern das Bild, dessen AuthentizitĂ€t und historische Wahrhaftigkeit unĂŒbertroffen bleiben“, wie der Autor selbst ausfĂŒhrt. Die Abdrucke von selten gezeigten GemĂ€lden und raren Zeichnungen sind – ergĂ€nzend zu den Fotographien – fĂŒr den Betrachter eine hervorragende Quellensammlung, die einen Eindruck in die damaligen Sichtweisen und Vorstellungswelten gibt und hilft, „die emotionalen Schwingungen jener Tage“ einzufangen.

Nicht nur die Materialschlachten im Westen, die einen ungeheuerlichen Blutzoll forderten und zerpflĂŒckte Mondlandschaften hinterließen, treten ins Bild und werden in Fotoaufnahmen, Karten, GemĂ€lden, Postkarten, Dokumenten und Zeichnungen festgehalten. Auch der völlig anders geartete Krieg im Osten, wo noch Reiterattacken eine nicht unbetrĂ€chtliche Rolle spielten, Österreich-Ungarns Kampf im SĂŒdtiroler Hochgebirge und an den Karstfronten des Isonzo gegen Italien, der Krieg am Balkan und der Feldzug gegen RumĂ€nien, die KĂ€mpfe in den Kolonien, im Nahen Osten sowie auf See und auch der Luftkrieg werden ausfĂŒhrlich behandelt. Kapitel zur Auswirkung des Krieges auf das Alltagsleben in Deutschland und Österreich und schließlich ĂŒber den Zusammenbruch in Revolten und Revolutionen beschließen diesen umfassenden Text-Bildband im Großformat.

Gewidmet ist das Werk „Den Toten des Ersten Weltkrieges“, denen 100 Jahre nach Beginn dieses verlustreichen und blutigen Völkerringens ein ehrvolles Erinnern und Gedenken zuteilwerden muss. Der am 3. Mai 1892 geborene Theologiestudent Friedrich Georg Steinbrecher schrieb am 12. September 1916 ĂŒber sein Erleben der Somme-Schlacht:

„Somme – die Weltgeschichte kennt kein grauenvolleres Wort. Alles, was ich jetzt wieder habe – Bett, Kaffee, Nachtruhe, Wasser -, alles kommt mir fremd vor, als hĂ€tte ich das Recht darauf verloren. Und doch waren es nur acht Tage.

Das Leben ist ein Geschenk. Wenn ich das alles nicht gesehen hĂ€tte! Wir fĂŒhlen erst langsam, wer nicht mehr unter uns ist. Es fehlen so viele. Manche gingen frĂŒher, die man vergaß. Wer neben mir fiel, den vergesse ich nie. Ich habe noch den fĂŒnften Teil meines Zuges. Die Besten fielen.“

Friedrich Georg Steinbrecher fand am 19. April in Moronvillers (Champagne) den Soldatentod. Wir vergessen ihn und alle gefallenen Soldaten unseres Volkes fĂŒr die er stellvertretend steht nicht!

â–Ș Mag. Sebastian Pella


Symposion „Das Zeitalter der Weltkriege 1914-1945“

Eine historisch-kritische Nachbetrachtung

Im Jahr 2014 jĂ€hrt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal, der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal. Diese  Jahrestage nahmen das Institut fĂŒr Stadtgeschichte Frankfurt und die Hessische Landeszentrale fĂŒr politische Bildung zum Anlaß, am 20. Februar 2014 das Symposion „Zeitalter der Weltkriege 1914-1945“ auszurichten.

Trotz der bedauerlichen Absage Prof. Dr. Christopher Clarks („Die Schlafwandler“) war die Veranstaltung komplett ausgebucht. Die rund 300 Zuhörer im Vortragssaal der Frankfurter Sparkasse 1822 wurden durch den Direktor der Hessischen Landeszentrale fĂŒr politische Bildung, den Frankfurter Stadtrat Dr. Bernd Heidenreich, begrĂŒĂŸt, der die Bedeutung einer lebendigen „Erinnerungskultur und historischen Gedenkens“ betonte. Gleichzeitig betonte er die in der Geschichtswissenschaft Einzug gehaltene Revision des deutschlandkritischen Geschichtsbildes in den vergangenen Jahren, die insbesondere die Zeit des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918) zunehmend positiver bewertet. Ob Frank-Lothar Krolls „Geburt der Moderne“, die das Kaiserreich als zukunftsweisendes Regierungsmodell fĂŒr Deutschland ausweist, oder Christopher Clarks Widerlegung der deutschen Kriegsschuld in den „Schlafwandlern“: diese auf historischen Fakten und Quellen gestĂŒtzte Revision unseres Geschichtsbildes ist ein Paradigmenwechsel im gesellschaftlichen wie wissenschaftlichen Umgang mit der deutschen Historie.

Nach den einfĂŒhrenden Worten Dr. Heidenreichs und der BegrĂŒĂŸung durch das Institut fĂŒr Stadtgeschichte durfte der Frankfurter Kulturdezernent Prof. Dr. Felix Semmelroth seine „Verwunderung“ ĂŒber den Zulauf und das Interesse an dem Thema Erster Weltkrieg Ă€ußern. BesĂ€ĂŸe Herr Semmelroth jedoch ein GespĂŒr fĂŒr stadthistorische Gedenkkultur und MentalitĂ€ten, wĂ€re das Interesse der breiten Bevölkerung an der Geschichte ihrer Heimat auch keine Überraschung. Immerhin verzeichnete Frankfurt 10.753 Kriegstote, die direkt als Soldaten oder indirekt als zivile Opfer von Hungerblockade und alliierten Luftangriffen ihr Leben ließen. In den Familiengeschichten zahlreicher Frankfurter sind diese Schicksale eingeschrieben und prĂ€gen bis heute die familiĂ€re Gedenkkultur in generationenĂŒbergreifenden ErzĂ€hlungen. Kulturdezernent Semmelroths Behauptung, in den letzten Jahrzehnten hĂ€tte die Stadtpolitik die zivilen Opfer und den „partiellen Luftkrieg“ gegen die Frankfurter Bevölkerung im Ersten Weltkrieg nicht thematisiert, mag auf die etablierten Parteien zutreffen, doch ignoriert er geflissentlich die geschichtspolitischen Initiativen der FREIEN WÄHLER, die in den vergangenen Jahren regelmĂ€ĂŸig Themen aus Geschichte und Kultur als Bestandteil der StadtidentitĂ€t in die politische Diskussion brachten.

Als erster Fachreferent des Tages warf Prof. Dr. Sönke Neitzel (London School of Economics and Political Science) einen Blick darauf, „wie die Weltkriege begannen“ und wertete „die Krise des internationalen Systems“ als verbindendes ErklĂ€rungsmuster fĂŒr beide Weltkriege. Eingehend auf Christopher Clarks Darstellung revidierte Neitzel seine in frĂŒheren Publikationen getroffene Schuldzuweisung an den Zweibund (BĂŒndnis Deutsches Reich mit Österreich-Ungarn) und konstatierte ein riskantes Vabanquespiel der politischen und militĂ€rischen Protagonisten, die „alle ihren Anteil“ zum Kriegsausbruch beigetragen hĂ€tten. Die WĂŒrdigung von Clarks „Schlafwandlern“ und damit eines ungetrĂŒbten, an den Quellen orientierten und sachlich fundierten Geschichtsbuchs zeigte sich in Neitzels Rekonstruktion der unmittelbaren Vorkriegsereignisse im Juli 1914. EnttĂ€uschend konventionell, d.h. an den politisch korrekten Leitlinien der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft orientiert, waren hingegen die AusfĂŒhrungen zum Beginn des Zweiten Weltkrieges. Obwohl auch hier grundlegende Studien aus- und inlĂ€ndischer Historiker vorliegen, die die mit der Methodik und Wissenschaftlichkeit Clarks die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges in neuem Licht beleuchten, blieb Neitzel dem tradierten ErklĂ€rungsmuster der bundesrepublikanischen VergangenheitsbewĂ€ltigung im Sinne der deutschen Alleinkriegsschuld verhaftet.

Nach einer kurzen Pause sprach Prof. Dr. Bernd Wegner von der UniversitĂ€t der Bundeswehr in Hamburg ĂŒber „Der globale Krieg“. In seiner Analyse anhand eines Kategorienkatalogs erschien der Erste Weltkrieg nicht als Weltkrieg, sondern als dezidiert „europĂ€ischer Krieg“. Erst im Zweiten Weltkrieg seien die Voraussetzungen und ZusammenhĂ€nge gegeben, um erstmals fĂŒr die Neuzeit von einem „globalen“, also „Weltkrieg“ sprechen zu können. Indem unterschiedliche Konfliktherde (Mitteleuropa, Mittelmeer, pazifisch-asiatischer Raum) in einen Krieg mĂŒndeten, erscheine der Zweite Weltkrieg das Paradebeispiel fĂŒr einen „globalen Krieg“. Wegners unkonventionelle Herangehensweise ĂŒberraschte mit einem interessanten Gedankenexperiment, das fĂŒr eine Auflösung der statischen Datierung von Kriegsbeginn und –ende plĂ€dierte. Beispielhaft regte Wegner an, das faktische Ende des Ersten Weltkrieges erst im Jahr 1923 zu datieren und den Zweiten Weltkrieg bereits mit der japanischen Inbesitznahme der Mandschurei 1931 beginnen zu lassen.

Im Anschluß an die Mittagspause referierte abermals Neitzel, der sich nun dem „Totalen Krieg“ annahm, in seiner Beschreibung der „Totalisierung“, die bereits im Ersten Weltkrieg erste AuswĂŒchse hervorbrachte und in der Kriegsmethodik eine Zeitenwende einlĂ€utete, auf bekannten Pfaden wandelte und keine substantiell neuen Erkenntnisse oder Facetten beleuchtete. Höchst interessant waren die  AusfĂŒhrungen Prof. Dr. Arnd BauernkĂ€mpers (Freie UniversitĂ€t Berlin), der „Die umstrittene Erinnerung an die Weltkriege in Europa“ thematisierte und hierbei detailliert die Erinnerungskulturen in Belgien, Frankreich, England, Rußland, Italien und Deutschland betrachtete. Leider reihte sich der Referent in die Riege derer ein, die das Gedenken an die gefallenen Soldaten des eigenen Volkes als „nicht mehr fĂŒr die nationalgeschichtliche Erinnerung“ relevant erachten. Die Abwendung von dem nach dem Ersten Weltkrieg einsetzenden Heldenkult und die in Deutschland nach der Niederlage 1945 vollzogene singulĂ€re Hinwendung zu einem nachdenklichen Erinnern mit dem „Holocaust als imperatives Erinnerungsnarrativ“ haben das Gedenken an die Toten unseres Volkes in  den Hintergrund treten lassen. Doch gerade die anschließende Diskussion mit dem Publikum zeigte, daß im außeruniversitĂ€ren Bereich ein tiefsitzendes BedĂŒrfnis vorhanden ist, der eigenen Opfer und Gefallenen wĂŒrdig zu gedenken und an sie und ihr Opfer zu erinnern.

Mit dem Frankfurter Aufruf wurde eine Wegmarke hierfĂŒr gesetzt!

â–Ș Mag. Sebastian Pella.

 

 


Ernst Piper
Nacht ĂŒber Europa.
Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs
Berlin: PropylĂ€en 2013. 587 S., 26.99 €

„Nacht ĂŒber Europa“

Ernst Pipers Versuch einer Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs

Die Auswahl einzelner kulturgeschichtlicher Aspekte aus dem zeitlichen Kontext des Ersten Weltkriegs bringt es mit sich, dass der Anspruch eine Kulturgeschichte der „Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ zu schreiben, Fragment bleiben muß. Ernst Piper spannt den kulturhistorischen Bogen von den Vorkriegsdebatten ĂŒber die Diskussionen zum Kriegsausbruch, zur Mobilisierung und zum Kriegsverlauf bis hin zu den Friedenshoffnungen 1917, den Konsequenzen aus den Kriegserfahrungen sowie dem divergierenden Umgang der europĂ€ischen Nationen mit dem Totengedenken. In diese „tour dÂŽhorizon“ verwebt er Abschnitte, in denen die Anstrengungen von Dichtern und Denkern, den Krieg in Worten zu fĂŒhren und diesen in Hymnen zu glorifizieren, dargelegt werden. Doch im Zentrum stehen – trotz allen BemĂŒhens des Autors um eine chronologische Abfolge und Gesamtdarstellung – Einzelschicksale von KĂŒnstlern und Schriftstellern.  Anhand dieser Einzelschicksale (z.B. Hermann Löns, Franz Marc und Georg Trakl) werden die kulturgeschichtlichen Folgen des Ersten Weltkriegs vergegenwĂ€rtigt. Das Beispiel Trakls soll die totale Mobilmachung illustrieren: dieser verfiel nach seiner freiwilligen Meldung in Depressionen und starb als Feldapotheker an einer Überdosis Kokain. Piper deutet dies als konsequenten Ausdruck des totalen Krieges, der alles in seinen Dienst stellt und letztlich opfert. Dem hohen Blutzoll von Intellektuellen im Ersten Weltkrieg stehen die zahlreichen Schriftsteller gegenĂŒber, die im Verlauf des Krieges von der Front abgezogen und in die Propagandaabteilungen eingegliedert wurden, wozu in Österreich eigens ein „Kriegspressequartier“ geschaffen wurde.

Kritisch zu betrachten ist die Annahme des Autors, es hĂ€tte bis 1914 eine gesamteuropĂ€ische Kultur gegeben, die auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges gestorben sei. Aus den AusfĂŒhrungen Pipers resultiert aber in erster Linie das „Ende vom alten Europa“ (Hans Fenske) auf politischer, diplomatischer und militĂ€rischer Ebene. Der konstatierte Kulturbruch, war jedoch ein Zivilisationsbruch ethischer-normativer Art, der mitnichten eine radikale ZĂ€sur im Kulturbereich bewirkte.

Den selbst auferlegten Anspruch, eine Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs zu schreiben, kann der Autor nicht erfĂŒllen, jedoch fördert Pipers Ansatz einen kulturhistorischen Facettenreichtum zutage, der die LektĂŒre zu einem Gewinn macht. Auch der essayistische Stil dieses historischen Werkes eröffnet einer breiten Leserschaft den Zugang. Mag der Historiker Piper in den einleitenden Worten noch alte Vorurteile gegen das Deutsche Reich bedienen, ĂŒberrascht er im Nachwort mit der Hineinnahme der aktuellen Widerlegung der deutschen Alleinkriegsschuld.

â–Ș Mag. Sebastian Pella.

 


 

Eine Sammelbesprechung der nationalkonservativen Netz-Zeitschrift Blaue Narzisse beschÀftigt sich mit den Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg:

http://www.blauenarzisse.de/index.php/rezension/item/4870-russlands-krieg-und-frankreichs-beitrag